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Dispatch – Review

Ein Genre nicht nur wiederbelebt, sondern weiterentwickelt!

AdHoc Studio: From Zero To Hero

Ich weiß nicht mehr, wann ich das letzte Mal eine Serie geschaut habe und mir dachte: „Ich muss unbedingt wissen, wie es weitergeht.“ Umso überraschender, dass ich genau dieses Gefühl ausgerechnet in einem Videospiel bekommen habe. Aber Dispatch ist so viel mehr als das. Es ist eine erstaunliche Erfolgsgeschichte von ehemaligen „Telltale Games“-Mitarbeitern und eines Genres, das die Industrie längst abgeschrieben hatte. Entgegen aller Erwartungen schafften es die Entwickler vom neu gegründeten AdHoc Studio jedoch, drei Millionen Einheiten abzusetzen und einen Steam-Review-Score von 97% zu erreichen. Wie genau ist es ihnen gelungen, dieses totgeglaubte Genre wiederzubeleben?

Was ist Dispatch?

Dispatch ist in erster Linie eine episodische interaktive Serie und eine exzellent geschriebene „Superhelden-Arbeitsplatz-Komödie“, die unter anderem tiefe Themen wie Verlust, Trauer und die erdrückende Last der Verantwortung behandelt. Der kluge Release-Rhythmus von zwei neuen Episoden pro Woche über vier Wochen hinweg ließ der Community genau die richtige Zeit, um zusammenzuwachsen und Theorien aufzustellen.

Die Entwickler, Veteranen im Creative Leadership, die an Titeln wie The Walking Dead oder The Wolf Among Us gearbeitet haben, kennen die Stärken ihres Genres ganz genau. Sie verzichten zum Glück auf erzwungenes, freies Umherlaufen, das in der Vergangenheit oft überflüssig wirkte. Stattdessen präsentiert sich das Spiel in einem clean animierten Comic-Artstyle, der das Pacing einer hochwertigen TV-Serie perfekt unterstützt. Wer auf typische Quick-Time-Events in Kampfsequenzen verzichten möchte, kann diese sogar einfach in den Optionen abschalten. Technisch läuft der Titel dabei selbst auf schwächerer Hardware einwandfrei, da anfängliche Bugs und Softlocks schnell behoben wurden.

Das Herzstück: Die Charaktere

Die Geschichte verzichtet auf klassische Superhelden-Klischees und startet an den absoluten Tiefpunkt im Leben von Robert Robertson. Als Träger des familiären Erbes verliert der Held in dritter Generation gleich in der ersten Episode im Kampf gegen den Schurken Shroud, den Mörder seines Vaters, seinen Mecha-Suit. Ohne seinen Roboter-Anzug stürzt Robert in eine depressive Krise, unfähig, den Menschen weiterhin zu helfen.

Das wahre Herzstück des Spiels ist das Character-Writing in Kombination mit fantastischen Voice Actors. Aaron Paul, zum Beispiel bekannt aus Breaking Bad, leiht Robert seine Stimme und verkörpert diese emotionale Erschöpfung absolut perfekt. Aber auch der restliche Cast, bestehend aus Größen wie Jeffrey Wright, Laura Bailey und dem Content-Creator MoistCr1tical, haucht den Figuren echtes Leben ein. Sie verleihen selbst Charakteren mit wenig Screentime menschliche Makel, Schwächen und Stärken, die humorvoll inszeniert sind.

Von Mecha Man zum Dispatcher

Am absoluten Tiefpunkt seines Lebens lernt er die Superheldin Blonde Blazer kennen, die Robert einen Job bei der Organisation SDN als „Dispatcher“ anbietet, mit dem Versprechen, seinen Anzug zu reparieren. Seine Aufgabe: Das Z-Team des Phoenix-Programms leiten. Hier sollen ehemalige Schurken rehabilitiert werden, indem sie der Gesellschaft als Helden dienen. Im Kern-Gameplay, dem „Dispatching-System“, koordinieren wir diese Außenseiter auf einer Stadtkarte unter Zeitdruck. Es reicht nicht, blind Einsätze zu verteilen.

Muss eine Geiselnahme deeskaliert werden? Dann sind Stats wie Charisma oder Intellect gefragt. Geht es um eine simple Rettungsaktion wie eine Katze auf dem Baum, einen Bankraub oder die Verteidigung eines Diplomaten? Dann entscheiden Mobility, Combat oder Vigor über Erfolg und Misserfolg. Nach ein paar Einsätzen verinnerlicht man dieses System recht schnell. Dadurch dass die Helden aufleveln können, kann man Stats verteilen, beispielsweise Stärken verbessern oder Schwächen beseitigen.

Dieses Management-Gameplay ist eng mit der Story und der Welt verwoben. Die Helden haben eigene Persönlichkeiten, verweigern mal einen Job, behindern sich gegenseitig oder bringen Konflikte mit in den Einsatz. Es gibt wichtige Synergien zwischen bestimmten Teammitgliedern. Schlägt eine Mission fehl, sinken die Stats und der Held verletzt sich. Versagt er erneut, fällt er für die Session aus und muss mit einem Item, die man sich durch gute Leistung verdient, „wiederbelebt“ werden. Abgerundet wird der Gameplay-Loop durch gut platzierte Hacking-Minispiele. Ein wichtiger Hinweis: Maus und Tastatur ist hier das von mir empfohlene Medium, da die Steuerung des Dispatch-Systems mit dem Gamepad oft „clunky“ wirkt.

Nicht alle Superhelden treffen die gleichen Entscheidungen

Im Büroalltag treiben unsere Entscheidungen die Story voran. Viele Entscheidungen verändern lediglich Dialoge oder Cutscenes, doch einige Kernentscheidungen haben tatsächlich Gewicht in der Geschichte. Werfen wir eines von zwei möglichen Mitgliedern aus dem Team, um Platz für ein neues zu machen, verändert das sofort unsere strategischen Synergien auf der Map.

Auch bei der Wahl der Romanze, man kann sich für Blonde Blazer, Invisigal oder den Verzicht auf eine Beziehung entscheiden, schlägt das Spiel bedeutungsvolle Wege ein. Zwar fühlen sich einige Entscheidungen subtil „richtiger“ an als andere, als wären sie der feste Canon der Entwickler, dennoch bleibt die Spannung durch smarte Twists durchgehend hoch. Am Ende jeder Episode fasst das Spiel unsere wichtigsten Wege zusammen und vergleicht sie mit den Entscheidungen der Community und wer unzufrieden ist, darf Episoden gezielt wiederholen.

Fazit:

Dispatch ist bei Weitem keine durchgehend logische Geschichte und der reine Gameplay-Anteil mag für einige etwas minimalistisch ausfallen. Doch es ist eine der besten erzählten Charakter-Storys, die der aktuelle Markt zu bieten hat. Indem das Studio klassische Dialog-Entscheidungen mit einem charaktertiefen Ressourcen-Management verschmilzt, haben sie nicht nur das Erbe von Telltale Games gerettet, sondern es sogar weiterentwickelt. Dispatch ist der spielbare Beweis, dass ein totgeglaubtes Genre manchmal einfach nur den richtigen Dispatcher braucht, um wieder abzuheben.

Good
  • Fesselende Story
  • Tiefgründige Thematik
  • Herausragendes Voice Acting
  • Exzellentes Charakter-Writing
  • Starke Dialoge
  • Innovatives Dispatch-System
  • Schöner Artstyle
  • Replay-Value
Bad
  • Wenig Gameplay
  • Illusion der Wahl
  • Etwas fehlende Story-Logik
8.8
Charaktere und Dialoge - 10
Gameplay - 7
Story - 9
Voice Acting - 9

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